Ein ErnteANGSTfest mit Peter Hahne

Seit einigen Jahren organisiert der Verein „Land schafft Verbindung Sachsen e.V.“ einen Erntedankgottesdienst. Erntedank ist eine wertvolle Tradition. Es ist Gelegenheit, Wertschätzung auszudrücken – für intakte Natur, die gesunde Lebensmittel hervorbringt, für Nutztiere als Mitgeschöpfe und für vielfältigste Leistungen der Landwirtinnen und Landwirte. Der Name des Vereins verspricht Verständnis, Achtung und Verbindung.

In diesem Jahr hatten Vertreter des Vereins gemeinsam mit der fundamentalistisch-evangelikalen „Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen“ den bekannten Fernsehjournalist Peter Hahne am 23. Oktober zum Erntedankgottesdienst nach Oberlungwitz eingeladen. Sein Beitrag zum Erntedank war jedoch das Gegenteil von Verständnis, Achtung und Verbindung. Er nutzte die ihm gebotene Bühne, um einen angeblich intellektuellen Kampf um die „Wahrheit“ zu beschwören und vor allem um Angst zu säen.

Nachdem der streitbare Journalist und Buchautor in seiner „Predigt“ das Gleichnis Jesu vom reichen Kornbauer aus der Bibel nutzte, um die Leistungen der Landwirtschaft zu würdigen, konnten die Gäste der Veranstaltung erleben, wie er Politiker und Politikerinnen als Idioten bezeichnete, gegen das Gendern wetterte und sich über Maßnahmen gegen die Coronapandemie lustig machte. Das kommt an bei einem Teil der Menschen im Erzgebirge und das weiß Hahne auch. Denn nicht zum ersten Mal macht er mit seinen polarisierenden Reden und Büchertischen Station in Sachsen. Es kommt leider auch an, Jugendliche zu diffamieren, die sich für eine bewohnbare Welt einsetzen. Und auch das Verstärken von Ängsten ist populär: Ängste vor dem Islam, vor einem Blackout, vor einem angeblichen Plan der Mächtigen „hinter den Kulissen“. Und das alles unter dem Kreuz, dem Zeichen, dass Gott sich mit den Menschen versöhnt hat und wir Menschen uns untereinander versöhnen können. 

Seine groß angekündigte Rede stand unter dem Titel „Deutschland hungert“. Hahne gab zu, dass er diesen Titel unbedingt wollte, weil er gut klinge. In der Vorbereitung sei daraus ein „Deutschland hungert nach Sinn“ geworden. Aber heute, so Hahne, bestünde tatsächlich die drängende Gefahr, dass wir auch körperlich hungern. Angstmache, noch deutlicher, noch schärfer als in seiner sogenannten Predigt zuvor. Dabei griff er auch tief in den populistischen Werkzeugkoffer, propagierte scheinbar einfache Lösungen und ließ komplexe Zusammenhänge unter den Tisch fallen, stellte die Realität verkürzt dar und versuchte Mauern zwischen „den Sachsen“ und „den Westdeutschen“ oder zu den „Altparteien“ aufzubauen. Ein klassisches „Wir gegen Die“. Das Narrativ von Eliten, die das Volk betrügen, wurde auf vielfache Weise bedient. Ganz deutlich zum Beispiel bei seiner Erzählung, dass „Die“ eine Energiekriese mit Absicht herbeiführen, um Weihnachten abzuschaffen. Weihnachtsgans und Weihnachtsbeleuchtung würden unbezahlbar, so dass, Zitat: „exakt in zwei Monaten Weihnachten nicht mehr stattfinden wird. Aber der Muezzin wird rufen!“.

Ich war 1989 für die Meinungsfreiheit auf der Straße. Deshalb darf Peter Hahne seine polarisierenden Angstreden unreglementiert überall in Sachsen halten. Deshalb darf er gegen Politik, Regierung und Islam wettern, so viel wie er will. Deshalb darf er mit seinen Büchern aus der Stimmung der Angst sogar ein Geschäftsmodell machen.

Aber Meinungsfreiheit gilt auch für mich. Und deshalb äußere ich meine Haltung zu dem Treiben von Peter Hahne hier auch öffentlich: In Oberlungwitz wurde das Kreuz von ihm missbraucht – unversöhnlich, manipulierend, spaltend. Viele Menschen waren zur Veranstaltung gekommen, die in großer Sorge sind angesichts der Bedrohung des Friedens, der Sicherheit und der existenzgefährdenden Preisentwicklungen. Und leider wurde ihnen noch mehr Angst gemacht. Für mich als Christ sollte ein Gottesdienst eine Veranstaltung sein, die dem Geist der Hoffnung und der Freiheit Raum gibt und in dem respektvoll über alle Menschen gesprochen wird. Wir brauchen in der aktuell sehr aufgeladenen gesellschaftlichen Situation keine Angstpredigten, keine Schwarz-Weiß-Malerei, kein „Wir gegen Die“, keine ideologischen, manipulativen Reden. Gerade das Kreuz könnte ein Ort sein, unter dem Menschen unterschiedlichster Anschauungen zusammen ins Gespräch kommen. Als Zeichen der Versöhnung.

Im besten Fall hinterlassen Peter Hahnes Auftritte nur Verwunderung und Kopfschütteln und sie bleiben ohne negative Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zu befürchten ist jedoch, dass solche Auftritte das in Ostdeutschland an sich schon wenig ausgeprägte Vertrauen in die Demokratie und die Zuversicht der Menschen weiter erodieren lassen. Das kann den Nährboden für völkisch-autoritäre Politikvorstellungen bereiten. Die bei der Veranstaltung anwesenden Vertreter der AfD dürften Peter Hahne dafür danken.

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