Anhörung im Landtag: Alle Sachverständigen unterstützen die GRÜNEN Vorschläge zur Stärkung der Sozialen Arbeit in Sachsen

Auf der Straße oder in der Beratungsstelle, im Krankenhaus oder im Justizvollzug, im Jugendclub oder im Pflegeheim − überall leisten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter einen unverzichtbaren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie stärken Menschen in allen Lebensphasen und in schwierigen Lebenslagen. Es wird Zeit, dass die Landespolitik all diesen Fachkräften bei ihrer wichtigen Arbeit nun auch deutlich den Rücken stärkt und für qualifizierte Fachkräfte, mehr Wertschätzung und bessere Arbeitsbedingungen sorgt.

Am 9. April 2018 fand die öffentliche Anhörung im Sozialausschuss des Sächsischen Landtags zum Antrag der GRÜNEN Fraktion ‚Soziale Arbeit braucht qualifizierte Fachkräfte, mehr Wertschätzung und bessere Arbeitsbedingungen – Fachkräfte-Offensive für Sachsen jetzt starten!‘ statt. Alle Sachverständigen aus dem Hochschulbereich, der Wohlfahrtsverbände sowie Fachkräfte aus der Praxis forderten die Landtagsabgeordneten und die Staatsregierung zum Handeln auf. Die GRÜNEN Forderungen des Antrags wurden von allen Sachverständigen unterstützt: Sachsen braucht jetzt dringend ein Fachkräftemonitoring, verlässliche Finanzierungsperspektiven, Maßnahmen zur Fachkräftequalifizierung und -gewinnung im Bereich der sozialen Arbeit.

Denn das Koalitionsversprechen (s.u.), die soziale Arbeit zu stärken, wird bis heute nicht eingelöst. Es gibt keine verlässlichen Finanzierungsperspektiven durch mehrjährige Förderung. Träger sozialer Angebote müssen jedes Jahr aufs Neue ihre Projekte beantragen, auch wenn diese Projekte bereits seit Jahren gut laufen. Die soziale Arbeit wird im Vergleich zu anderen Berufsgruppen deutlich schlechter bezahlt. Die Folgen der schwierigen Arbeitsbedingungen und der hohen Arbeitsbelastung wurden von den Sachverständigen klar benannt: Fachkräfte wechseln häufiger den Arbeitsplatz, arbeiten zunehmend in Teilzeit, sind trotz Arbeit im Alter von Armut bedroht.

Die Fachkräftenot in der sozialen Arbeit spitzt sich zu. Politik und Staatsregierung müssen endlich handeln! Das haben die Sachverständigen in der Anhörung sehr deutlich gemacht.

Die Staatsregierung leugnet in der Stellungnahme zum Antrag in weiten Teilen einen drohenden Fachkräftemangel und verweist auf ausreichend Ausbildungsplätze. Dem widersprach Prof. Dr. Armin Wöhrle, ehemaliger Professor der Hochschule Mittweida. Er machte anhand der Jugendhilfe deutlich, dass es immer schwerer werde, qualifizierte Fachkräfte zu finden. Mehr und mehr Aufgaben würden bereits jetzt auf Ehrenamtliche verlagert. Von den 2.321 Einrichtungen in freier Trägerschaft würde mittlerweile jede dritte Einrichtung rein ehrenamtlich geführt. Er appellierte an das Sozialministerium, endlich Verantwortung für die Personalentwicklung zu übernehmen. Das sei auch deshalb notwendig, weil die soziale Trägerlandschaft in Sachsen strukturell schwach sei. 70 Prozent der Einrichtungen beschäftigten weniger als 6 hauptamtlich Mitarbeitende. Die Probleme seien ähnlich, wie bei kleineren mittelständischen Betrieben. Die Einrichtungen seien klein und hätten wenig Personal, das mache einen krankheitsbedingten Ausfall oder einen Urlaub bereits zum Problem. Vertretungsregelungen für Weiterbildungen seien schwer möglich. Prof. Wöhrle regte trägerübergreifende Kooperationen an, damit die Personalentwicklung voran kommt und Existenznöte verringert werden.

Michael Richter, Landesgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes e.V., erklärte, dass seit Jahren die „Qualifizierung, Gewinnung und Sicherung von Fachkräften“ ganz oben auf der Agenda des Wohlfahrtsverbandes stehe. Nun müsse das Thema endlich auch im Freistaat Gewicht bekommen. Seit mehreren Jahren bemühe sich der Verband um ein sachsenweites Fachkräftemonitoring für die Berufe der sozialen Arbeit. Ein entsprechendes Kurzkonzept sei dem von der SPD geführten Wirtschaftsministerium bereits 2016 vorgestellt worden. Seitdem liege es in der Schublade, weil es für nicht nötig erklärt worden sei.

Jens Springer vom Verein zur Förderung von Ausbildung, Beschäftigung, Beratung und Betreuung Jugendlicher und Erwachsener e.V. sagte, dass das Thema „hochaktuell“ sei. Vielen Fachkräften fehle es vor allem an Wertschätzung für ihre Arbeit, das mache es zunehmend schwierig, für den Beruf zu begeistern. Er nannte positive Beispiele, wie die Berufsgruppe gestärkt werden könne. Das bayerische Sozialministerium lädt seit vielen Jahren zur Consozial, Deutschlands größter Kongress Messe der Sozialwirtschaft ein (www.consozial.de). Ein ähnliches Format regte er für Sachsen an.

Prof. Dr. Isolde Heintze, Hochschullehrerin an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida, wies darauf hin, dass Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger unterstützt werden müssten, wenn sie eine staatliche Anerkennung für den Beruf der sozialen Arbeit erhalten wollen. Bisher gäbe es dazu keine Regelungen. Die Voraussetzungen dafür müssten schnell geschaffen werden, damit die dringend benötigten Fachkräfte neu gewonnen werden könnten.

Hintergrund:

  • Grüner Antrag ‚Soziale Arbeit braucht qualifizierte Fachkräfte, mehr Wertschätzung und bessere Arbeitsbedingungen – Fachkräfte-Offensive für Sachsen jetzt starten!‘ (Drs 6/11466)
  • Stellungnahme der Staatsregierung
  • Auszug aus dem Koalitionsvertrag von CDU und SPD in Sachsen, S. 48 ff.: Wir wollen, dass hochqualifizierte Fachkräfte im Sozialbereich nicht aus Sachsen abwandern, sondern hier nach ihrer Ausbildung oder ihrem Studium eine Tätigkeit aufnehmen und dauerhaft in Sachsen bleiben. Im Bereich des Sozialministeriums werden wir bis Ende 2016 die bestehenden Förderrichtlinien überprüfen und gegebenenfalls überarbeiten. Ziel ist es, den Anteil der jährlichen Projektförderung zu senken und mehrjährige Förderungen als Regelförderung zu etablieren. Wir werden prüfen, inwieweit der für eine Förderung notwendige Eigenanteil der Träger verringert werden kann. Wir werden darauf hinwirken, dass eine Förderung ohne zeitlich bedingte Finanzierungslücken aufgrund von Jahresübergängen sichergestellt wird und sich die Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit weiter verbessern. Als Basis für die Soziale Arbeit in Sachsen werden wir beginnend 2016 eine wissenschaftsbasierte, qualifizierte und kontinuierliche Sozialberichterstattung etablieren. Diese soll in regelmäßigen Abständen, mindestens aber aller fünf Jahre erfolgen.

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