Weltlokalisierungstag in Belgershain: Eine alte Gärtnerei erwacht zu neuem Leben

Das dritte Jahr in Folge finden im Juni zum Weltlokalisierungstag auf der ganzen Welt Begegnungen statt, um die Chancen der Re-Lokalisierung zu erkunden. Dabei geht es um ökologische Ökonomie und gesunde lokale Lebensmittelsysteme. Es ist eine Form der Umsetzung von „Global denken – lokal handeln“. Menschen aus Stadt und Land finden zusammen, um die Welt mit einem Lokalisierungsprojekt zu verändern.

Ein solches Projekt entwickelt sich gerade in einer traditionsreichen Gärtnerei in Belgershain südöstlich von Leipzig, die ich heute besuchte. Stephan Schürer und Gregor Fuchshuber versuchen gemeinsam mit dem Verein UferLeben-Störmtahler See e.V. diese vor über 10 Jahre stillgelegte Gärtnerei behutsam wiederzubeleben – weniger als ein allein auf Ertrag und Umsatz ausgelegter Gartenbetrieb, sondern als Naturbildungs- und Begegnungsort mit vielfältigen Nutzungen, die über den Gemüseanbau hinausgehen. Gerade durch die Verknüpfung verschiedener Akteur:innen entwickeln sich nach und nach positive Wechselwirkungen zwischen ökologischem Landbau, Kulinarik, Kultur, Naturtourismus, Landschaftspflege und Umweltschutz. Eine Sanierung des Objektes ist geplant. Gemeinsam mit den Obstgenossen, der Interessengemeinschaft für Streuobst im Landschaftspflegeverband Stadt-Umland-LPV wird die zur Gärtnerei gehörende und in die Jahre gekommene Streuobstwiese sanft weiterentwickelt. Auch eine Wiesenwirtschaft mit mobilem Sonntags-Café soll dazukommen.

Der Großteil unseres Obstes und Gemüses kommt aus dem Ausland. Einiges davon könnten wir aber für die lokale Versorgung auch in unserer Region anbauen. Das gilt genauso für Blumen. Der Sohn des ehemaligen Betriebsleiters der Gärtnerei berichtete mir davon, wie im elterlichen Betrieb Schnittblumen angebaut und mit dem Zug nach Leipzig und Karl-Marx-Stadt in die Blumenläden transportiert wurde. Heute finden wir in unseren Blumenläden leider zu viele Produkte, die mit viel Pflanzenschutz und enormen Transportaufwendungen verbunden sind.

Früher wurde in unserer Region auch Flachs für die Leinenproduktion angebaut. Doch mit der Industrialisierung der Textilproduktion wurde dies immer mehr verdrängt. Heute tragen wir importierte und oft zu schlechten Umwelt- und Sozialstandards produzierte Baumwolle oder erdölbasierte Chemiefasern. Gibt es einen Weg zurück in die Zukunft einer re-lokalisierten Leinenproduktion? Mit kurzen Wegen, kurzen Wertschöpfungsketten? Welche Produktionsmöglichkeiten liegen eigentlich vor der eigenen Haustür? Dieser Frage geht die Unternehmergesellschaft lokaltextil aus Leipzig nach. So wurde beispielsweise in einem einjährigen Selbstversuch der Weg vom Flachssamen bis zur Leinwand Schritt für Schritt erkundet.

Im Anschluss an die Führung über die Gärtnerei und der Erläuterung des lokaltextil Projektes gab es ein Essen und spannende Gespräche. Ich habe mich mit einer einheimischen Familie aus Belgershain unterhalten, die Landwirtschaft betreibt. Das großartige an solchen Begegnungen ist die Verbindung zwischen Menschen aus der Großstadt mit den Menschen aus der Region. Das hilft, die oft gefühlte Kluft zwischen Stadt und Land zu überwinden.

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