Vorschläge zur Entwicklung einer hitzeangepassten Chemnitzer Innenstadt

Die Chemnitzer Innenstadt ist durch ihre Geschichte nach der Kriegszerstörung geprägt von großen Freiflächen, weiträumig angeordneten Wohn- und Bürogebäuden sowie breiten, mehrspurigen Straßen. Neben wertvollen Grünanlagen wie dem Stadthallenpark und den beschatteten Bereichen Am Wall oder auf dem Rosenhof dominieren versiegelte Flächen und öffentlicher Raum ohne Schatten und Grün. Auch die aktuelle Bebauung trägt diese Merkmale, wie die neuen Gebäude an der Bahnhofstraße und deren Umfeld zeigen.

Das lokale Klima in derart gestalteten Städten unterscheidet sich stark vom Klima in durchgrünten Siedlungsgebieten oder des Umlands. Bei der aktuellen Hitzebelastung entwickelt sich das Chemnitzer Stadtzentrum zu einer regelrechten „urbanen Hitzeinsel“. Die bebauten und versiegelten Flächen erwärmen sich, speichern die Hitze und geben sie wieder an die Umgebung ab. Dies kann zu erheblichen Temperaturunterschieden von bis zu 10°C führen und mit gesundheitlichen Belastungen für Bewohner:innen und Besucher:innen der Innenstadt einhergehen. Zudem trägt auch der Verkehr auf Bahnhofstraße, Theaterstraße oder Brückenstraße zur Wärmeentwicklung bei. 

Die vorliegenden Vorschläge beschreiben kurz- und mittelfristige Maßnahmen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken und einen Beitrag zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität und damit zur Belebung der Innenstadt zu leisten. Wichtig ist nun, rechtzeitig konkrete Konzepte und Projekte zu entwickeln, nicht zuletzt auch, um die Chancen neuer Förderprogramme zu nutzen.

Mehr Bäume & Schatten in die Innenstadt bringen und Grünräume vernetzen

Den wirksamsten Beitrag zur Verschattung und Abkühlung im öffentlichen Raum leisten Bäume. Bereits im Jahr 2016 wurde die Pflanzung von sechs Bäumen auf dem Neumarkt vor der Galerie Roter Turm empfohlen. Vorstöße, diese Empfehlung umzusetzen, scheiterten bisher immer im Stadtrat. Angesichts der regelmäßigen Hitzephasen, die auch um Chemnitz keinen Bogen mehr machen, sollte die Ratsmehrheit ihren Widerstand gegen diese wichtigen Baumpflanzungen aufgeben. In Spiel- und Sitzbereichen, in denen aufgrund der Untergrundverhältnisse keine Baumpflanzungen möglich sind, können temporäre Sonnensegel den wohltuenden Schatten spenden.

Die bisher sehr verhalten beworbene Kampagne „Mein Baum für Chemnitz“ muss in eine Offensive für Bürger- und Unternehmensspenden umgewandelt werden, um die Potentiale der breiten Stadtgesellschaft für eine durchgrünte Innenstadt einzubinden und zu nutzen. Bei Bedarf muss auch Personal bereitgestellt werden, um Spenden und Patenschaften effektiver zu koordinieren.

Auch im Hinblick auf die noch in diesem Jahr anstehende Entwurfsplanung zur Erweiterung der Straßenbahn Richtung Limbach-Oberfrohna im Rahmen des Chemnitzer Modells rücken Gestaltungsfragen des öffentlichen Raums immer mehr in den Fokus. Dabei geht es beispielsweise um den wertvollen Raum zwischen Stadthallenpark und Karl-Marx-Monument sowie um die Gestaltung der Theaterstraße und des Falkeplatzes. Im Zuge der Planungen und Baumaßnahmen muss die Begrünung der im Moment kahlen Brückenstraße hohe Priorität erhalten. Auch die Schaffung einer fußläufigen Achse zwischen Stadthallenpark bis zum Schillerplatz und zur Universitätsbibliothek muss mit Entsiegelung und Begrünung einhergehen. In der prallen Hitze zum Kulturquartier zu flanieren, ist wenig attraktiv.

Beim Neubau auf hitzeangepasste Gebäude- und Flächengestaltung achten

An mehreren Orten erhält das Chemnitzer Stadtzentrum derzeit ein neues Gesicht. Am Getreidemarkt, am Tietz und an der Johanniskirche entstehen bereits neue Gebäude oder werden derzeit noch geplant. Einen wesentlichen Einfluss auf die Hitzebildung haben Beschaffenheit und Material der Oberflächen von Fassaden, Dächern und Freiflächen. Hier sind die Vorhabenträger gefordert, in verstärktem Maße auf hitzedämmende Baumaterialien, Fassadengestaltung und Anstriche zu achten. So ist zum Beispiel bei der Farbauswahl die Albedo zu beachten, also wie gut Flächen die Sonnenstrahlen reflektieren. Heller Oberflächenbelag ist aufgrund des höheren Rückstrahlvermögens bioklimatisch günstiger als dunkler Belag.

Zusätzlich muss die Voraussetzung für eine spätere Dach- und Fassadenbegrünung generell bereits in der Planungsphase berücksichtigt werden – teilweise wird sie in den Bebauungsplänen bereits gefordert. Doch auch für den vorhandenen Gebäudebestand in der Innenstadt sind noch große Potentiale für Bewuchs an und auf den Gebäuden vorhanden. Dass mit Sonnenenergie Gebäude nicht nur beheizt, sondern auch gekühlt werden können, zeigen die Konzepte der FASA AG aus Chemnitz. Solche energiesparenden, innovativen Konzepte der Gebäudeabkühlung werden vermutlich in Zukunft eine viel größere Rolle auch in unseren Breitengraden spielen.

Bei den Oberflächen im öffentlichen Raum muss im Zuge anstehender Bauarbeiten intensiv geprüft werden, wo dauerhaft entsiegelt und Rasenfläche geschaffen werden kann oder wo partielle Entsiegelung (zum Beispiel mit Rasenfugenpflaster, Rasengitter oder anderen gebundenen Oberflächen) einen Beitrag zu Abkühlung und Wasseraufnahmefähigkeit leisten kann. Denn die hohe Wärmespeicherkapazität insbesondere von Asphalt, Beton und Schotter trägt enorm zur Aufheizung bei. Dies gilt ebenso für private Flächen. Deswegen sollte der Stadtrat trotz der Einwände aus den Ortschaften die seit über einem Jahr vorliegenden Begrünungssatzungen (Fassadenbegrünung, Dachbegrünung, Stellplatzgestaltung, Begrenzung von Schottergärten) zumindest für die Kernstadt umsetzen.

Wassersensible Stadtentwicklung als Grundlage der Hitzeentlastung implementieren

Der Beschluss des Stadtrates zur „Wassersensiblen Stadtentwicklung“ aus dem Jahr 2020 muss nun bei der Hitzentlastung der Innenstadt seine Wirkung entfalten. Jetzt müssen mit den Eigenbetrieben, den städtischen Gesellschaften und Wohnungsgesellschaften Konzepte für die Dach- und Flächenentwässerung entwickelt und umgesetzt werden, die die Versickerung und Speicherung von Regenwasser ermöglichen. Insbesondere integrierte Bewässerungskonzepte für Grünflächen und Straßenbäume in Form von Mulden, Mulden-Rigolen oder Gräben reduzieren den hohen Aufwand zur Bewässerung bei Trockenheit, wirken positiv auf die notwendige Abkühlung und entlasten das Kanalnetz bei Starkregen.

Ein noch größeres Augenmerk benötigen künftig die Brunnen und Wasserflächen in der Innenstadt. Hier gilt es auch, das zivilgesellschaftliche Engagement mehr wertzuschätzen. Viele der älteren Chemnitzer möchten den Klapperbrunnen oder den Bärenbrunnen nicht in der Innenstadt missen. Ein Blick in eine wärmer werdende Zukunft offenbart aber auch die Notwendigkeit von noch mehr Trinkbrunnen in der Innenstadt. Das beispielhaft gestalte Areal am Chemnitz-Fluss am Falkeplatz zeigt das Potential, welches die „Stadt am Fluss“ mit entsiegelten Ufern und natürlichen Läufen an noch weiteren Bach- und Flussabschnitten entfalten kann.

Parkhäuser begrünen und attraktive Mobilitätsalternativen zum Auto ermöglichen

Auch Mobilität und Verkehrswege in der Innenstadt haben einen großen Einfluss auf die Temperaturentwicklung. Es gilt, Verkehrsberuhigung und Gestaltungsfragen klug mit der Hitzeentlastung zu kombinieren. Wichtig ist dabei insbesondere, den Grünanteil in den Verkehrsräumen zu erhöhen – durch mehr Straßenbäume, gestaltete Mittelinseln oder Grüngleise beim Straßenbahnausbau. Um einen Anreiz zu schaffen, auf das Auto bei einem Innenstadtbesuch zu verzichten, sollten Rad- und Fußwege in und durch das Stadtzentrum nach Möglichkeit durchgängig verschattet und begrünt sein. Das gilt natürlich auch für die Haltestellen und Wartebereiche von Bus und Bahn. 

Die Chemnitzer Innenstadt ist von Parkhäusern umzingelt. Diese stammen aus einer Zeit, in der die Frage nach der klimagerechten Gestaltung des ruhenden Verkehrs noch nicht so ernsthaft gestellt wurde wie heute. Dennoch lassen sich die Parkhäuser teilweise auch nachträglich begrünen. Das gilt ebenso für ebenerdige PKW-Stellplätze.

Rechtzeitig Konzepte entwickeln, um die Chancen neuer Förderprogramme zu nutzen

Die Bundesregierung will den Städten künftig bei der Klimawandelanpassung mithilfe neuer Förderprogrammen stärker unter die Arme greifen. Dazu kommen die Mittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Mit dem Landesprogramm ‚Stadtgrün‘ kann die Anlage und Aufwertung von Grün- und Freiflächen oder auch Fassadenbegrünung und extensive Dachbegrünung gefördert werden. Dieses Programm soll künftig auch von Kommunen genutzt werden können. Zudem steht mit dem sächsischen Klimafonds künftig ein Instrument zur Verfügung, mit dem unter anderem auch Maßnahmen zur innerörtlichen Abkühlung, Verschattung und Durchlüftung finanziert werden sollen. Chemnitz wäre also gut beraten, jetzt innovative Konzepte und Projekte zu entwickeln, um die Chance neuer Förderprogramme für die Grün- und Freiraumentwicklung in der Innenstadt zu nutzen. Auch die Verwendung von Mitteln des Innenstadtfonds für kleinere Projekte sollte geprüft werden. Fotoherzen und bunte Stadtmöbel sind schöne Accessoires, aber Begrünung ist von essentieller Bedeutung für die Innenstadtbelebung.

Skip to content