„So hatte ich mir mein letztes Jahr nicht vorgestellt“ – Sabine Wolfram und Nirit Sommerfeld zum Aus für das Café Julius

Die Leiterin des Staatlichen Museums für Archäologie Chemnitz (SMAC), Sabine Wolfram, steht vor dem Eintritt in den Ruhestand zum Jahresende. In einem öffentlichen Gespräch der Reihe „Tacheles auf dem Goldenen Sofa“ blickte sie letzten Donnerstag gemeinsam mit der Kulturveranstalterin Nirit Sommerfeld auf ihre Entwicklung, ihr Engagement in Chemnitz und ihre Reisen zurück.

Mich interessierte vor allem der Blick beider Frauen auf das von gesellschaftlichen Debatten, politischem Druck und der Schließung des Museumscafés geprägte letzte Jahr, weshalb ich nach der Arbeit schnell ins SMAC radelte und einen der letzten Plätze in der sehr zahlreich besuchten Veranstaltung erhielt.

Da sich mir die tatsächlichen Umstände und Hintergründe der Schließung des Café Julius trotz einer umfangreichen Presseberichterstattung bisher noch nicht erschlossen haben, hoffte ich auf etwas mehr öffentliche Aufklärung an diesem Abend. Rechtlich gehörte die Gastronomiefläche nicht zum Museum selbst, sondern wird von der städtischen Wohnungs- und Immobiliengesellschaft GGGmbH vermietet. Laut Nirit Sommerfeld habe die GGG für eine Vertragsverlängerung ab September einen neuen Passus im Mietvertrag gefordert. In einem mündlichen Gespräch vor Zeugen sei ihr mitgeteilt worden, dass dieser Passus politische, extremistische oder antisemitische Veranstaltungen im Café untersagen solle. Obwohl die GGG in Presseauskünften das Existieren einer solchen schriftlichen Klausel bestritt, habe Nirit Sommerfeld die verlangten Bedingungen abgelehnt. Die Schließung hinterlässt nun eine verwaiste Fläche im Museum; das gesamte SMAC-Team drückte seine Betroffenheit darüber mit einer öffentlichen Bekundung auf Instagram aus: https://www.instagram.com/p/DbqMo5kFt8R/?img_index=1

Nach dem Aus für die Gastronomie habe Sabine Wolfram der Gesprächsreihe „Tacheles auf dem Goldenen Sofa“ Raum direkt im Museum angeboten, um zu verhindern, dass das Goldene Sofa von Ort zu Ort wandern müsse. Mit den Worten „Manchmal muss man sich auch aus dem Fenster lehnen“ habe sie die Gesprächsreihe in das SMAC geholt. Diese Diskussionsreihe umfasste Abende mit acht bis neun jüdischen Persönlichkeiten zu kontroversen Themen wie dem Gaza-Krieg, Israel und Palästina. Sabine Wolfram, die auch in der Jury der Kulturstiftung des Freistaates saß, habe das geförderte Projekt unterstützt. Für sie sei es wichtig gewesen, dass im Kulturprogramm nicht nur Gedichte und Klezmer-Musik präsentiert würden, sondern auch Raum für gesellschaftlich relevante und kritische Diskurse geboten werde, die die Menschen bewegten.

Sowohl Nirit Sommerfeld als auch Sabine Wolfram berichteten von erheblichem Gegenwind im Vorfeld der Veranstaltungen. Dabei sei es auch um den Vorwurf von israelbezogenem Antisemitismus gegangen, wenn die Politik der israelischen Regierung sowie die Kriegsführung im Gaza-Konflikt öffentlich kritisiert werde. Nirit Sommerfeld sprach an, dass der Antisemitismus-Begriff bei Kritik an der israelischen Politik missbraucht werde. Sie verwies unter anderem auf Mobilisierungen gegen sie, bei denen durch gezielte Anrufe bei Bürgermeistern, Hochschulleitungen, Pressestellen und Organisatoren Druck aufgebaut und Umfelder in „Angst und Schrecken“ versetzt würden, sobald der Name Nirit Sommerfeld auftauche. Sie differenzierte in ihren Ausführungen sehr deutlich zwischen dem realen Gefühl von Angst und seiner gezielten politischen Nutzung. Sie betonte, dass sie reale Angst aus eigener Erfahrung kenne. Da sie aus Israel stamme, wisse sie, dass Angst dort zum „täglichen Brot“ gehöre. Sie spreche niemandem ein persönliches Angstgefühl ab, da Angst eine starke Emotion sei, mit der man umgehen müsse. Deutlich kritisierte sie hingegen die Instrumentalisierung von Angst. Diese werde gezielt als Mittel eingesetzt, um Menschen gefügig zu machen – eine Dynamik, die sie sowohl in Israel als auch in Deutschland beobachte. Wenn ihr entgegnet werde, dass Menschen „Angst vor ihr“ hätten, finde sie das absurd.

Sabine Wolfram räumte ein, die Reaktionen unterschätzt zu haben. Sobald Vorwürfe dieser Art im Raum stünden, entwickele sich eine Dynamik, bei der nicht mehr im Detail diskutiert und abgewogen würde, sondern jeder nur noch versuche, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, um sich diesen Vorwürfen nicht auszusetzen. Auch die Konsequenz, mit der das betrieben wurde – bis zur Existenz des Cafes und auch über das Team vom SMAC hinweg – habe sie so nicht erwartet. Ihr Fazit für ihr letztes Dienstjahr – das zudem von Umstrukturierungsüberlegungen der Landesregierung sowie einem schweren persönlichen Verlust überschattet gewesen sei – fiel nachdenklich aus: „So hatte ich mir mein letztes Jahr nicht vorgestellt“.

Nicht nur das gesamte SMAC-Team, sondern viele Chemnitzerinnen und Chemnitzer sind traurig und irritiert über die Entwicklung, die zur Schließung des beliebten Museumscafés führte. Wir alle hatten uns das nicht so vorgestellt. Dass diese traurige Entwicklung nicht vollständig von den beiden Gesprächspartnerinnen auf dem Sofa aufgeklärt werden konnte, war mir vor der Veranstaltung klar.

Aber ich bin einmal mehr nachdenklicher geworden: Unsere Welt und ihre Konflikte sind hochkomplex. Da gibt es selten einfache Antworten, häufig aber viele, auch extreme Sichtweisen, die sich zuweilen diametral gegenüberstehen. Auch wenn ich eine andere Sichtweise als falsch oder untragbar ansehe, muss es möglich sein, diese Sichtweise offen vorzutragen, solange sie keine Rechts- und Verfassungsverstöße enthält. Und es muss mir möglich sein, dieser Sichtweise offen zu widersprechen. Dafür war ich 1989 auf der Straße und dafür werde ich auch weiter streiten. Und das betonten beide Frauen auch deutlich am Schluss: Die Notwendigkeit, bei unterschiedlichen Auffassungen im demokratischen Dialog und beim Tacheles-Reden zu bleiben.

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