Modellprojekt FSC-Zertifizierung: FSC steht für hohe ökologische und soziale Standards im Wald

Redebeitrag des Abgeordneten Volkmar Zschocke (BÜNDNISGRÜNE) zum Antrag der Fraktionen CDU, BÜNDNISGRÜNE und SPD: „Modellprojekt FSC-Zertifizierung im sächsischen Staatswald“ (Drs 7/6612)

  1. Sitzung des 7. Sächsischen Landtags, Mittwoch, 23.06.2021, TOP 5

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren,

ist es angesichts der dramatischen Waldkrise und der enormen Probleme der Forstwirtschaft wirklich der richtige Zeitpunkt, über Fragen der Zertifizierung zu diskutieren? Wir BÜNDNISGRÜNEN sagen: Ja, denn die Zertifizierung ist für die Zukunftsfähigkeit von Wald und der Forstwirtschaft von zentraler Bedeutung. Mit dem vorliegenden Antrag sollen in dieser Legislatur die Grundlagen für eine zukunftsweisende Entscheidung geschaffen werden.

Im aktuellen Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass: „wir zusammen mit der TU Dresden, Fachrichtung Forstwissenschaften in Tharandt, die Potenziale und Herausforderungen einer Bewirtschaftung des Staatswaldes nach den Kriterien der FSC Deutschland 3.0 untersuchen, unter anderem auch im Rahmen eines Modellprojekts.“

Der sächsische Staatswald ist bereits seit 2001 nach den Kriterien des PEFC-zertifiziert. Unabhängige, qualifizierte und akkreditierte Experten überprüfen im Rahmen jährlicher Stichproben vor Ort, ob die forstliche Praxis die Standards nachhaltiger Waldwirtschaft erfüllt. Erstmals soll nun auch die Anwendung der Kriterien des FSC-Standards für den Staatswald untersucht werden. Die Formulierung im Koalitionsvertrag ist ein Kompromiss. Denn es gibt unterschiedliche Sichtweisen in der Forstwirtschaft und auch in der sächsischen Koalition, welches der beiden Siegel für die anstehenden Herausforderungen geeigneter ist.

Es gibt in Sachsen Erfahrungen mit FSC. So hat sich zum Beispiel meine Heimatstadt Chemnitz per Stadtratsbeschluss seit dem Jahr 2002 an die strengen Kriterien des Deutschen FSC-Standards gebunden und nimmt damit eine gewisse Vorreiterrolle ein. Auch wenn der Vergleich ein wenig hinkt: FSC bei Holz ist so etwas wie das Bio-Siegel bei Nahrungsmitteln. Es geht also um höhere Anforderungen, die aber auch zu Vorteilen führen.

FSC steht für hohe ökologische und soziale Standards im Wald. PEFC-Standards hingegen bewirken in der Praxis eine demgegenüber geringere ökologische Aufwertung der zertifizierten Wälder. FSC schreibt zum Beispiel einen Anteil Naturwaldentwicklungsflächen vor, um Informationen über die natürliche Waldentwicklung zu bekommen. FSC-Forstwirtschaft muss auch frei von gentechnisch veränderten Pflanzen bleiben. Pestizide dürfen nur auf Grundlage einzelner Ausnahmegenehmigungen eingesetzt werden. Kahlschläge als Mittel der Holzernte sind nicht erlaubt. FSC-Wälder sollen sich an der natürlichen Waldgesellschaft orientieren und sich zu einer solchen hin entwickeln. Zudem müssen Biotop- und Totholzbäume als wichtige Lebensräume im Wald erhalten werden. PEFC ist zwar kein unökologisches Siegel, die Anforderungen beim Umweltschutz gehen aber nur unwesentlich über das hinaus, was gesetzlich und auch ohne Siegel sowieso vorgeschrieben ist.

Chemnitz muss seit der Zertifizierung jedes Jahr bei einem Audit nachweisen, dass die Wälder als Ökosysteme gesichert werden, dass ganz im Sinne von Carlowitz eine langfristige Nutzung von Holz gewährleistet wird und die Arbeit im Wald sicher und fair erfolgt. Das hat das zuständige städtische Grünflächenamt jetzt seit nunmehr fast 20 Jahren ununterbrochen durchgehalten, obwohl das nicht immer einfach war. Und so ist es auch eine gewisse Honorierung, wenn im Rahmen der Bundeswaldprämie für FSC-zertifizierte Waldflächen jetzt 20 Euro je Hektar mehr gezahlt werden, als für PEFC-zertifizierte Waldflächen.

Die Umstellung auf FSC bedeutete für Chemnitz mit gerade mal 1.400 Hektar Wald einen vergleichsweise hohen Aufwand. Deswegen musste mit dem politischen Bekenntnis zu FSC auch ein Bekenntnis zur Absicherung der damit verbundenen Aufgaben verbunden sein. Das geforderte hohe Niveau der Waldpflege und -bewirtschaftung erfordert Ressourcen, die dann auch zur Verfügung stehen müssen. Und das bei steigender Belastung durch die aktuelle Waldschadenskrise, bei beschleunigten Waldumbau und bei gestiegenen Anforderungen der Öffentlichkeit an den Wald als Erholungsort.

Das gälte natürlich auch für den Staatsforst: Die Etablierung eines zusätzlichen Zertifizierungssystems wäre mit zusätzlichen Aufwendungen zur Abdeckung neuer Aufgaben verbunden. Mehraufwendungen entstehen zum Beispiel bei der Dokumentation. Je größer allerdings ein Betrieb ist, desto besser kann der FSC-Standard untersetzt werden. Viele Grundlagen müssen im Vergleich zu dem eher kleinen Körperschaftswald Chemnitz beim Sachsenforst nicht erst aufgebaut werden. Gerade die notwendigen digitalen Grundlagen für Flächen, Rückegassen oder für das gesamte Auftragsmanagement sind weitgehend vorhanden.

Viele FSC-Prinzipien, wie beispielsweise die Vermeidung der Vollbaumnutzung, die Erweiterung der Biotopbaumziele, die Förderung von Waldinnen- und -außensäumen und die Begrenzung des Anteils nichtheimischer Baumarten ließen sich in die Bewirtschaftung des sächsischen Staatswaldes auch ohne wesentlichen Zusatzaufwand integrieren. Bei den in der Stellungnahme der Staatsregierung dargestellten Betriebsteilen, die für das Modellprojekt ausgewählt werden, ist mit den Großschutzgebieten auch bereits ein hoher Anteil der geforderten Prozessschutzflächen dabei.

Nun höre ich häufig die Meinung: „FSC oder PEFC, das ist doch egal, Hauptsache ein Siegel. Die Unterschiede sind doch sehr gering.“ Wir BÜNDNISGRÜNEN sagen: Nein, das ist nicht egal. Die Standards von FSC und PEFC unterscheiden sich in wesentlichen Punkten, zum Beispiel bei der Befahrung der Bestände, bei den Regelungen zu Kahlschlägen und Stilllegungsflächen, den Anforderungen an Totholz oder der tariflichen Entlohnung beim Einsatz der Unternehmen. Hier sind die Forderungen des FSC-Standards weitreichender und konkreter. Das wäre auch für das Image des Staatsbetriebes und der Vorbildfunktion der öffentlichen Hand von großer Bedeutung. Das kann bei wachsendem Umweltbewusstsein auch zu einem unmittelbarem Vermarktungsvorteil von FSC-Holz führen.

Es spricht also viel dafür, die konkreten Effekte anhand von modellhaften Betriebsteilen zu ermitteln. Die hierfür benötigten Mittel sind im Doppelhaushalt eingeplant. Die im Antrag geforderte externe und vergleichende Begutachtung stellt eine umfassende und neutrale Beurteilung der Ergebnisse sicher.

Andere Staatsforstbetriebe wie in Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder Schleswig-Holstein machen sehr gute Erfahrungen mit dem FSC-Siegel. Wir entscheiden heute noch nicht über die künftige Zertifizierung des Staatswaldes. Aber wir schaffen in dieser Legislatur eine qualifizierte Grundlage für diese Entscheidung, um diese dann transparent und auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse treffen zu können.

Ich bitte um Unterstützung für diesen Weg.

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