Gedenkveranstaltung für Opfer des Stalinismus

Wir verneigen uns vor den Opfern des 17. Juni 1953.

Ich sehe mich und meine Generation in besonderer Verantwortung, der nächsten Generation das staatliche Unrecht in der DDR zu erklären, die Werte der Demokratie nahe zu bringen und darauf zu drängen, dass die DDR-Diktatur weiter aufgearbeitet wird. Das muss über das Erinnern an den niedergeschlagenen Volksaufstand vom 17. Juni 1953 weit hinausgehen. Denn es betrifft die jahrzehntelangen Tiefenwirkungen und Verästelungen des DDR-Regimes in Gesellschaft, Staat, Partei, Blockparteien und Justiz. Es betrifft seine Wirkmechanismen auf das gesamte Alltagsleben der Bevölkerung. Das geht zwangsläufig über die Betrachtung des MfS und seiner Opfer hinaus.

Partei- und Staatsführung der DDR verfolgten das Ziel, im Interesse der vermeintlich „richtigen“ Weltanschauung alle Räume der Gesellschaft tief zu durchdringen. Der Alltag in DDR funktionierte nur mit Drohung, Repression und dem Erzeugen von Angst.
Was am 17. Juni 1953 sichtbar wurde, galt bis zum Ende der DDR: „Diktatur des Proletariats“ bedeutete nicht etwa „Herrschaft der werktätigen Bevölkerung“, sondern autoritäre Willkür einer Führungselite, die Angst als Mittel ihrer Herrschaft nutzte. Diese repressive Seite des Lebens in DDR darf nie in Vergessenheit geraten.

Ein verklärender Rückblick auf die DDR ist immer nur dann möglich, wenn große Teile dieser Lebenswirklichkeit in der DDR ausgeblendet werden: Wer sich nicht systemkonform verhielt, wurde zu Abitur oder Studium nicht zugelassen, durfte den gewünschten Beruf nicht erlernen, flog von der Hochschule, bekam Ärger mit der Stasi, fand sich im Jugendwerkhof oder in politische Haft wieder. Staatlich verordnete Weltanschauung als Grundlage für eine auskömmliche Existenz im System – das war das Gegenteil von Freiheit, Vielfalt und Individualität.

Das System zerstörte systematisch die Lebenschancen von unangepassten oder auch nur zu unvorsichtigen jungen Menschen. Diese Prägungen und Verletzungen wirken bis heute. Die Aufarbeitung muss gesellschaftlich verankerte Daueraufgabe bleiben.

Erinnern an 17. Juni heißt aber heute auch, nicht nur denen zu widersprechen, die DDR-Unrecht relativieren, sondern auch denen, die das Erinnern an den 17. Juni für antidemokratische Ziele missbrauchen, die mit völkisch-nationalistischen Tönen die heimliche Sehnsucht nach autoritärer Führung füttern.

Ich will nie wieder in einem autoritären System leben. Es kommt auf unsere gemeinsame Entschlossenheit an, den demokratischen Rechtsstaat vor aktuellen Bedrohungen zu schützen und zu verteidigen. Das sind wir den Opfern des Volksaufstanden von 1953 auch schuldig.

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