Es macht wenig Sinn, Wasserkraft und Naturschutz gegeneinander zu stellen

Heute nahm ich an der Jahrestagung des Wasserkraftverbandes Mitteldeutschland im vogtländischen Oelsnitz teil. In dieser aufgewühlten Zeit die richtigen Worte für ein politisches Statement zu finden, ist eine Herausforderung. Wir sind mit multiplen Krisen konfrontiert – die Klimakrise, die wir in den Dürresommern mit voller Wucht spüren konnten, dazu eine Energiepreiskrise, wie es sie seit der letzten Ölpreiskrise 1980 nicht gab und ein rasant fortschreitender Verlust der Biodiversität – mit potenziell tödlichen Folgen. Das alles wird Auswirkungen auf Sachsen haben, die die Vorstellungskraft vieler Menschen, Unternehmen und Politiker:innen überschreiten. Denn das 1,5-Grad-Ziel ist ja nicht nur Klimaziel, sondern die physikalische Obergrenze für den sicheren Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Was auf uns zukommt, wenn es nicht eingehalten wird, liegt im dunkelroten Hochrisikobereich.

Erste Vorboten dieser Entwicklung erleben wir bereits: häufigerer Hitzesommer, Waldbrände, Ernteausfälle, Überflutungen. Gerade wenn die für das Erdklimasystem relevanten Kipppunkte überschritten werden, setzen irreversible Entwicklungen ein, die unser Leben auch in Sachsen grundlegend und dauerhaft verändern werden. Eigentlich müssten die weltweiten Emissionen bis 2030 halbiert werden, aber im Moment steigen sie an und es sieht aktuell nicht so aus, als könnte das 1,5 Grad Ziel realistisch erreicht werden. Denn die Priorität, die der Klimaschutz und der schnelle Ausbau emissionsfreier Energieerzeugung jetzt haben, wird nach wie vor nicht ausreichend anerkannt.

In diesem extrem dynamischen Krisengeschehen spielt die Wasserkraft natürlich auch eine Rolle. Zunächst leistet sie als „Urform“ der erneuerbaren Stromerzeugung einen wichtigen Beitrag, indem sie durchgängig günstigen und CO2-freien Strom produziert. Mit ihrer jahrhundertealten Tradition ist sie zudem eine der akzeptiertesten Formen der Energieerzeugung überhaupt. Gerade im ländlichen Raum ist die Wassermühle oftmals auch das traditionelle und kulturelle Zentrum.

Dass Wasser ein wertvolles und schützenswertes Gut ist, wird leider immer erst dann ernst genommen, wenn die Verfügbarkeit abnimmt. Die Wissenschaftler:innen sagen uns für die sächsischen Flüsse voraus, dass die Zeiten, in denen sie normal Wasser führen, deutlich abnehmen. Extrem wenig Wasser oder extrem viel Wasser wird das neue „Normal“. Auch die Konkurrenz um das knapper werdende Gut Wasser steigt massiv an. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Nutzbarkeit der Wasserkraft. Neben der Menge ist die Qualität des Wassers und der Gewässer ein wichtiger Aspekt. Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie setzt die Leitplanken für den Gewässerschutz. Gerade aus ökologischer Sicht stellt sie ein sehr wichtiges Instrument dar: Es gilt ein Verbesserungsgebot bei einem gleichzeitigen Verschlechterungsverbot. Den Mitgliedsstaaten drohen teure Vertragsstrafen, wenn die Ziele nicht erreicht werden.

Beim Mittagessen berichteten mir Anlagenbetreiber:innen von den Konflikten zwischen Wasserkraft und Naturschutzansprüchen. Von „Grüner Ideologie“ war da die Rede. Ich empfinde dies als einen Kampfbegriff, mit dem die Argumente der jeweiligen Gegenseite diskreditiert werden sollen. Und dieser Begriff wird leider beliebig angewendet – auf Naturschutzverbände, auf Behördenmitarbeiter:innen und selbst auf Befürworter:innen der Wasserkraft. Es ist falsch, pauschal die Wasserkraft oder die Naturschutzanforderungen zu verteufeln. Es geht nur mit ökologisch sinnvollen Gesamtkonzepten, die die Synergien zwischen Wasserkraft und Naturschutz so herstellen, dass sie in der täglichen Praxis dann auch funktionieren. Anstatt mit dem Finger aufeinander zu zeigen, müssen sich alle Beteiligten, also die Wasserkraftbetreiber, Naturschutzaktive, Angelverbände und natürlich die Genehmigungsbehörden an einen Tisch setzen und konstruktiv nach Lösungen suchen. Die Wissenschaft bietet hier innovative Entwicklungen für die Durchlässigkeit und den ökologisch orientierten Umbau von Wasserkraftanlagen wie zum Beispiel fischfreundliche Turbinen oder Wasserkraftschnecken. Es geht um gute Kompromisse zwischen Wirkungsgrad und Durchlässigkeit für Fische. Es macht wenig Sinn, Wasserkraft und Naturschutz gegeneinander zu stellen. Denn Wasserkraftnutzung ist ein Beitrag zum Klimaschutz und Klimaschutz ist immer auch Naturschutz.

Ein Ausbau der Wasserkraft im großen Stil ist in Sachsen zwar nicht möglich. Es ist aber auch niemandem geholfen, wenn vorhandene Wasserkraftanlagen aufgegeben werden und verfallen. Es sollte langfristig das Ziel sein, dass auch Wasserkraftanlagen über Formen der Direktvermarktung am Energiemarkt teilnehmen. Dazu gab es einen interessanten Vortrag von Ralf Kotzerke von der enviaM. Im Anschluss fuhr ich noch zur nahen Talsperre Pirk, um mir ein Bild von von den Bauarbeiten an den Grundablassleitungen zu machen. An der Talsperre gibt es auch eine Wasserkraftanlage zur Stromerzeugung. Die Turbine hat eine Ausbauleistung von 450 Kilowatt.

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