Blick hinter die Kulissen der DDR-Wirtschaft

Volles Haus, spannende Einblicke in die verborgenen Machtstrukturen der DDR:

Der Journalist und Autor Norbert F. Pötzl stellte gestern im Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis sein Buch „Das Schattenreich des Alexander Schalck-Golodkowski“ vor. Er bot den zahlreich erschienenen Interessierten eine spannende Reise in ein wenig bekanntes Kapitel der DDR und der deutsch-deutschen Zeitgeschichte.

Im Mittelpunkt seines Buches steht Alexander Schalck-Golodkowski, Leiter der sogenannten „Kommerziellen Koordinierung“ – kurz KoKo. Die organisierte über Jahrzehnte ein weit verzweigtes Netz internationaler Handelsbeziehungen. Offiziell war Schalck-Golodkowski Staatssekretär im Ministerium für Außenhandel. Unter seiner Führung entstanden hunderte Firmen im In- und Ausland, die in komplexe und auch umstrittene Geschäfte verwickelt waren. Neben den Erträgen aus dem Häftlingsfreikauf war dieses System maßgeblich bei der Devisenbeschaffung der DDR.

Norbert F. Pötzl, Jahrgang 1948, arbeitete über viele Jahre als Journalist beim Spiegel und leitete dort unter anderem das Berliner Büro. Seit der deutschen Wiedervereinigung beschäftigt er sich intensiv mit der Geschichte der DDR und ihren politischen Strukturen.

Das System Schalck-Golodkowski funktionierte wie ein Parallelapparat. Über geheime Handelsfirmen und internationale Kontakte wurden Waren aller Art gehandelt – alles, um der wirtschaftlich angeschlagenen DDR dringend benötigte Devisen zu verschaffen. Selbst den DDR-Familien und ihren westdeutschen Bekannten wurde mit Intershops, Genex oder sog. Forum-Schecks das Westgeld aus der Tasche gezogen. Intershops waren Läden an Bahnhöfen, Autobahnen, Flughäfen und in Städten, wo wir in der DDR-Westwaren kaufen konnten: Zigaretten, Alkohol, Jeans, Elektronik, Kosmetik usw. Bezahlt wurde mit DM, Dollar etc., um Devisen von Westbesuchern und später auch von DDR-Bürgern abschöpfen. DDR-Bürger durften lange Zeit keine DM direkt in Intershops ausgeben. Sie mussten die DM zuerst bei der DDR-Staatsbank gegen Forum-Schecks tauschen. Diese Schecks wurden dann im Intershop benutzt. Genex war offiziell ein Geschenkdienst für Westdeutsche. Westbürger konnten Waren für ihre Verwandten in der DDR bestellen und in DM bezahlen. Das konnten Möbel, Haushaltsgeräte, Mopeds sein. Es konnte auch eine Wartburg oder Trabant sein – aber ohne jahrelange Wartezeit.)

Trotz der Devisenbeschaffung brach das politische System 1989 zusammen. Schalck-Golodkowski rückte zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit. Kurz vor einer drohenden Verhaftung in der DDR floh er in den Westen, um sich dort in eine Art Schutzhaft zu begeben.

Das Buch erforderte intensive Recherchearbeit: Akten aus Archiven, Gespräche mit Zeitzeugen und zahlreiche Dokumente ermöglichten es Norbert F. Pötzl, das komplexe Netzwerk der KoKo nachzuzeichnen. Wieder ein sehr beeindruckender Beleg für die enorme Wichtigkeit, Akten, Dokumente und Zeitzeugenbericht aus der DDR zu bewahren und die darin enthaltenen Geschichten zu erzählen. Das tun wir intensiv im Lern- und Gedenkort. Hier gibt es eine sehr beeindruckende Dauerausstellung. Und bei Führungen, Workshops oder Veranstaltungen wie gestern Abend leistet der Lernort seinen unverzichtbaren Beitrag zur Erinnerung und weiter notwendigen Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit.

Moderiert wurde der gestrige Abend von Michael Bausch vom Vorstand des Vereins https://gedenkort-kassberg.de.

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