Die Rückkehr des Wolfes im sächsischen Erzgebirge – Artenschutz und Weidetierhaltung zusammen denken

Bericht von der Diskussionsveranstaltung am 9. Juni 2022 im GRÜNEN Huthaus Annaberg-Buchholz

Der Erzgebirgskreis ist seit über sieben Jahren sogenanntes „Wolferwartungsgebiet“. Bleibt es bei einzelnen durchziehenden Wölfen oder werden ganze Rudel sesshaft? Während Naturschützer:innen von der Entwicklung fasziniert sind, wächst bei den Nutztierhalter:innen die Sorge. Konflikte im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Wolfes gibt es jedenfalls reichlich. Nun bin ich weder Weidetierhalter, noch Wildbiologe. Meine Aufgabe als Abgeordneter ist es, zur Konfliktlösung beizutragen und Interessensausgleich zu verhandeln.

Die Diskussionsveranstaltung sollte zur Versachlichung, Wissensvermittlung und zum Erfahrungsaustausch beitragen. Dazu war eine kompetente Fachfrau eingeladen: Biologin Vanessa Ludwig von der Fachstelle Wolf am Landesamt für Umwelt Landwirtschaft und Geologie. Die von ihr vorgestellten aktuellen Monitoringdaten zeigen, dass sich die Wölfe vor allem von Westpolen östlich von Dresden in nordwestlicher Richtung nach Brandenburg und Sachsen-Anhalt ausbreiten. Das Erzgebirge sowie das Vogtland werden von ihnen nach wie vor nur selten aufgesucht. Im Erzgebirge ist es vor allem ein Rudel aus Tschechien, das vereinzelt Spuren hinterlässt. Nachweise können Urinmarkierungen und Kot, Spuren, tatsächliche Sichtungen und Risse an Wild- und Nutztieren sein.

Wölfe sind auf Huftiere spezialisiert. Sie machen den weit überwiegenden Anteil der Nahrungsmenge aus. Weidetiere sind mit ein bis zwei Prozent der Nahrungsmenge lediglich Gelegenheitsbeute. Allerdings sind Weidetiere für die Wölfe leichter zu erbeuten als beispielsweise Schalenwild, besonders wenn sie unzureichend geschützt sind. So werden bei Angriffen dann auch häufig mehrere Nutztiere gerissen, weil diese – im Gegensatz zu Wildtieren – ein anderes Verhalten zeigen.

Zur politischen Einordnung habe ich dann die verschiedenen Diskussionen auf Bundes- und Landesebene beleuchtet. Im sächsischen Koalitionsvertrag von CDU, BÜNDNISGRÜNEN und SPD haben wir uns auf einhundert Prozent Förderung der Prävention sowie die vollumfängliche Entschädigung von Wolfsrissen verständigt. Im aktuellen Doppelhaushalt wurden zudem zusätzliche Mittel für die Unterstützung der Weidetierhalter:innen und die steigenden Aufwendungen für Wolfspräventionsmaßnahmen eingestellt. Denn Weidetierhaltung im Wolfsgebiet bedeutet einen hohen täglichen Aufwand und ist herausfordernd.

Obwohl es wirksame Schutzmaßnahmen wie Elektrozäune, Schutzhunde, Übersprungschutz oder Untergrabschutz gibt, ist ein hundertprozentiger Schutz nicht möglich. Und so nehmen die Schäden an Nutztieren seit 2014 auch deutlich zu. Waren es 2013 lediglich 56 Tiere, hat sich die Anzahl bis 2019 fast verzehnfacht. Seitdem gibt es wieder einen Rückgang, aber 2021 fielen immer noch 383 Nutztiere den Wolfsangriffen zum Opfer. Doch auch die Zahl der Weidetierhalter:innen, die kapitulieren und die Weidehaltung aufgeben, wächst.

Diese Entwicklung löst eine heftige Kontroverse aus – auch innerhalb der regierungstragenden Parteien. Der Wolfschutz wurde in Sachsen von CDU-geführten Umweltministerien aufgebaut – immer mit dem Leitmotiv, den Wolf als Nachbarn zu akzeptieren und mit ihm zu leben. Diese Akzeptanz fällt vor allem in Ostsachsen sehr schwer. Dort fordern die Verbände der Tierhaltung und Tierzucht gemeinsam mit dem Jagdverband seit langem eine Bestandsregulierung des Wolfes. Diesem Druck sind die CDU-Basis vor Ort und insbesondere die CDU-Landräte massiv ausgesetzt.

Aber auch bei den BÜNDNISGRÜNEN wird diskutiert. Denn aus unserer Sicht ist Weidehaltung die beste Art der Tierhaltung. Die Schafhalter:innen gehören jetzt schon zu den schwächeren Teilen der sächsischen Landwirtschaft. Sie dürfen mit den Verlusten und Folgeschäden durch Wolfsangriffe nicht wirtschaftlich überfordert werden. Wir wollen nicht, dass die bereits stark verdrängte bäuerliche Landwirtschaft mit Weidetierhaltung zusätzlich durch den Wolf in ihrer Existenz gefährdet wird.

Und auch die Diskussion über die Rückkehr des Wolfes im sächsischen Erzgebirge im Anschluss an den Vortrag war sehr kontrovers. Wölfe sind ein ursprünglicher Teil der Artenvielfalt auch im Erzgebirge und ihr Schutz ist enorm wichtig. Doch auch Weidetiere sind für die Biodiversität und den Erhalt unserer wertvollen Kulturlandschaft unverzichtbar. Notwendig bei allem Streit ist daher, sich nicht gegenseitig abzusprechen, dass die jeweiligen Interessen tatsächlich berechtigt sind. Der Vorwurf von Stimmungsmache und Hysterie hilft nicht weiter.

Wir müssen die Konflikte lösen und dazu weiter im Gespräch bleiben. Denn solange das Europäische Schutzziel – nämlich die Erhaltung bzw. Wiederherstellung lebensfähiger Wolfspopulationen als Teil der europäischen Landschaft nicht erreicht ist, ist auch keine Änderung des europäischen Rechtsrahmens zu erwarten. Wie genau festgestellt wird, dass Deutschland wieder mit einer gesicherten Wolfspopulation und einer ausreichenden Anzahl an Habitaten besiedelt ist, muss noch entschieden werden. Genau aus diesem Grund haben die sächsischen Koalitionsfraktionen die Staatsregierung aufgefordert, bei der Aushandlung der Entscheidung, wann genau der sogenannte „günstige Erhaltungszustand“ erreicht ist, die sächsischen Erfahrungen aktiv einzubringen. Wichtig ist am Ende, die Anzahl der in Deutschland lebenden Wölfe realitätsgetreu abzubilden und in den Bundesländern auch ein regional differenziertes Bestandsmanagement – zum Schutz der Wölfe und der Weidetiere – zu ermöglichen.

www.wolf.sachsen.de

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