Bewegende Veranstaltung: Widerstand, Repression und Mut – Punkfrauen in der DDR

Wer sich einfügte, anpasste und alles widerspruchslos mitmachte, konnte im größten Flächengefängnis Europas ein halbwegs ruhiges Leben führen. Besonders schwer hatten es in der DDR jedoch junge Menschen, die unangepasst waren, anders sein wollten, anders aussahen und sich selbst verwirklichen wollten. Auffällige Jugendliche waren schnell massiven Repressionen ausgesetzt.

Kim aus Karl-Marx-Stadt geriet bereits in jungen Jahren ins Visier der Stasi – allein weil sie Punkerin war. Punks wurden vom DDR-Regime als „negativ“ und staatskritisch betrachtet und entsprechend verfolgt. Nur weil sie Punkmusik hörte, sie selbst sein sowie sich nach ihren eigenen Vorstellungen ausdrücken und leben wollte, setzte die Staatssicherheit mehrere inoffizielle Mitarbeiter auf sie an. Sie galt als „Rädelsführer“ einer Gruppe, der „negativ-feindliche Einstellungen zur DDR“ unterstellt wurden. Die Staatssicherheit bezeichnete sie als „Punk-Inspirator einer negativ-dekadenten jugendlichen Vereinigung“. Mit einer „operativen Personenkontrolle“ sollte die Gruppe „bearbeitet und liquidiert werden“. 1985 wurde sie schließlich in den Westen abgeschoben – aus Sicht der Behörden eine „Lösung“, um die wachsende Punk-Szene in Karl-Marx-Stadt zu schwächen.

Was jedoch nicht gelang: Die Punkszene wuchs in Karl-Marx-Stadt weiter. Mutige Pfarrer und Diakone öffneten Kirchenräume für Treffen – etwa in der Kreuzkirche auf dem Kaßberg, in der Michaeliskirche oder in der Bonhoeffer-Gemeinde. Inka aus Karl-Marx-Stadt fand an diesen Orten Schutz und die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen. Konzerte mit Punkbands konnten organisiert und gemeinsames Engagement ermöglicht werden. Doch auch hier waren Spitzel der Stasi präsent und dokumentierten alles akribisch. Inka wurde schließlich für mehrere Wochen unter dem Vorwurf staatsfeindlicher Tätigkeit im Kaßberggefängnis inhaftiert.

23 Frauen berichten im Buch „Tanz auf dem Vulkan. Widerständige Punk-Frauen in der DDR“ über ihre Erfahrungen mit Repression, Haft und Jugendwerkhöfen – und über die bis heute spürbaren Folgen. Der Autor Geralf Pochop hat seine damaligen Weggefährtinnen ermutigt, die weibliche Seite der Punkbewegung in der DDR sichtbar zu machen. Als Zeitzeuge und politisch Verfolgter kann er selbst eindrücklich berichten: Als Punkmusiker geriet er ins Visier der Stasi und war massiven Repressionen sowie politischer Haft ausgesetzt.

Am gestrigen Abend richtete er unseren Blick insbesondere auf die Frauen in der DDR-Punkbewegung. Inka und Kim berichteten persönlich, weitere Frauen kamen über Tonaufnahmen zu Wort und lasen aus dem eindrucksvollen, immer wieder auch erschütternden Buch. Denn der unbändige Drang nach Freiheit und Selbstverwirklichung führte für einige Frauen zu schwersten Erniedrigungen und Gewalterfahrungen durch Polizei und Sicherheitskräfte.

Für die zahlreichen Gäste war es ein bewegender Abend. Ich bin sehr dankbar, dass Geralf Pochop diese Geschichten sammelt, den betroffenen Frauen eine Stimme gibt und sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht – gerade angesichts der häufig zu beobachtenden und für mich unerträglichen Verklärung der DDR in der heutigen Zeit.

Möglich wurde die Veranstaltung durch eine Kooperation der Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung sowie der Volkshochschule Chemnitz mit dem Lern- und Gedenkort Kaßberggefängnis, in dem die Veranstaltung stattfand.

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