30 Jahre Rückbenennung in Chemnitz

Heute vor 30 Jahren fasste der Stadtrat (Stadtverordnetenversammlung) in seiner ersten Sitzung den Beschluss zur Rückbenennung der Stadt Karl-Marx-Stadt in Chemnitz. Vorausgegangen war ein Bürgerentscheid mit einer überwältigenden Mehrheit. Die Entscheidung über den Stadtnamen war nach der friedlichen Revolution im Herbst 89 ein weiterer und logischer Akt der Selbstermächtigung der Bürgerinnen und Bürger. Denn die Generation meiner Eltern wurde 1953 nicht gefragt, ob die Stadt in Karl-Marx-Stadt umbenannt werden soll. Das wurde von SED-Funktionären über die Köpfe der Menschen hinweg festgelegt. Ich erinnere mich an Flugblätter von der Initiative „Für Chemnitz“, die bei den Montagsdemos vor dem „Nischel“ Ende 89 verteilt wurden. Es gab einen Aufruf, Unterschriften zu sammeln. Viele haben damals Unterschriften gesammelt. Für die Leute in meinem Umfeld war es selbstverständlich, zu unterschreiben. Wir waren nicht gegen Karl Marx. Aber wir waren gegen Bevormundung und Entmündigung. Wir wollten selbst entscheiden – und da ist ein Bürgerentscheid das beste demokratische Instrument.

Für mich war es auch Ausdruck eines gewachsenen Bewusstseins für eine Stadt mit über 800-jähriger Geschichte. Zu dieser Geschichte gehört ja nicht nur die großartige Industriekultur in einer der einst reichsten Industriestädte Deutschlands. Alles was Chemnitz in seiner Erfolgsgeschichte und Kultur ausmacht, hat mit Weltoffenheit, mit vielfältigen kulturellen Einflüssen, mit Zuwanderung und Internationalität zu tun. Das ist für mich viel stärker mit dem Namen „Chemnitz“ verbunden, nicht mit „Karl-Marx-Stadt“. Der eigentliche Höhepunkt war allerdings der 23. April 1990 – der Tag, wo die Stimmkarten ausgezählt wurden. Das kam abends sogar im Westfernsehen! Irgendwie war das schon ein historischer Moment, ein Moment mit großer Bedeutung. Das hat mich als 21-Jährigen sehr bewegt. Nicht nur das meine Stadt diese überregionale Aufmerksamkeit bekommt, sondern auch das Gefühl, gefragt zu werden, eine Stimme zu haben, die dann auch gehört wird und zählt.

Ich bin in Karl-Marx-Stadt aufgewachsen. Die erzwungenen Mai-Kundgebungen vor dem Karl-Marx-Monument waren mir schon als Schüler sehr suspekt. Ich konnte mit der Gleichmacherei in staatlichen Massenorganisationen wenig anfangen. Der Anpassungsdruck, der auf den Einzelnen ausgeübt wurde, hat mich als Jugendlicher wütend gemacht. Trotzdem bleibt die DDR-Zeit Teil meiner Geschichte und auch der Stadtgeschichte. Ich bin für einen behutsamen Umgang mit dem in dieser Zeit entstandenen Stadtbild. Das gilt auch für Straßennamen, die im Zuge des DDR-Wohnungsbaus völlig neu entstanden sind. Die müssen nicht umbenannt werden. Das gilt auch für die Kunst im öffentlichen Raum, die Gestaltung der Anlagen, die Brunnen. Es sind ja die Orte meiner, unserer Kindheit. Ich kann mich auch an keine breiten Bestrebungen erinnern, diese Orte aus dem Stadtbild zu eliminieren – im Gegenteil, sie gehören zu unserer Stadt dazu, das sehen viele Menschen so wie ich. Viele Gebäude, ganze Teile der Innenstadt stehen ja auch unter Denkmalschutz. Das Karl-Marx-Monument gehört zu Chemnitz, es ist Teil unserer Geschichte. Es ist nicht nur ein touristischer Höhepunkt, sondern immer noch ein Ort für Versammlungen und Kundgebungen, ein Ort für Musik und Kultur, ein Treffpunkt für Jugendliche. Manchmal kommt dort auch ein lebendiger „Karl Marx“ vorbei und führt Touristen durch die Stadt, die bis auf kurze 37 Jahre schon immer Chemnitz hieß.

Foto: Hartmut Zschocke / Demo der Kulturschaffenden am 19.11.89