Psychotherapie für Kinder und Jugendliche − Zschocke: Auf den Antrag der Koalition müssen konkrete Schritte folgen!

Redebeitrag des Abgeordneten Volkmar Zschocke zum Antrag der Fraktionen CDU und SPD „Weiterentwicklung der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen“ (Drs 6/15387), 14. Dezember, TOP 6

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrter Herr Präsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

der Ärztemangel Sachsen ist spürbar, auch in einem Bereich, der weniger Aufmerksamkeit bekommt: die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen.

Ende 2016 hat sich die Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie mit einem Brief an das Gesundheitsministerium gewandt. Nach deren Einschätzung mangelt es in Sachsen nicht unbedingt an stationären Plätzen, aber an Personal. Die unattraktiven Arbeitsbedingungen machen es schwer, neue Fachärzte zu finden, vor allem im ländlichen Raum. In den kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken in Arnsdorf bei Dresden, Rodewisch und Mittweida führt das zu monatelangen Wartezeiten für einen stationären Behandlungsplatz.

Es ist sicherlich ein erster notwendiger Schritt, heute einen Berichtsantrag auf den Weg zu bringen. Der Landtag muss sich intensiver mit dem Thema befassen. Ein Überblick zur Versorgung und Vernetzung der Angebote in Sachsen ist die notwendige Voraussetzung, um weitere politische Schritte zu beschließen. Die zwei Prüfaufträge der Koalition zeigen, welche Richtung eingeschlagen werden soll. Verschiedene Akteure  sollen an einen Tisch geholt werden, um die Zusammenarbeit zu stärken und neue digitale Lösungen zu erproben. Dieser Auftrag an das Ministerium ist nicht nur vage, er droht auch an den Problemen vorbeizugehen.

Drei Anmerkungen zum Antrag:
1. Aus unserer Sicht fehlen wichtige Partner am Tisch. Die Schulen, die Jugendarbeit und Schulsozialarbeit müssen dringend einbezogen werden. Denn diese Bereiche können und sollen präventiv wirken, sie sind – neben den Eltern – besonders nah dran an jungen Menschen und können wichtige Ansprechpartner sein, wenn psychische Probleme auftreten. Länder wie Kanada oder Australien sind bei der universellen Prävention im Kontext Schule bereits sehr viel weiter als Deutschland. In Sachsen bestehen zumindest Angebote, wie beispielsweise Prävention im Team. Auch Gremien wie der Landespräventionsrat und die Partner bei der Umsetzung des Bundespräventionsgesetzes sollten bei einem solchen Fachaustausch nicht fehlen.

2. Sie beziehen sich im Antrag auf den zweiten Sächsische Landespsychiatrieplan als Beratungsgrundlage. Der ist 7 Jahre alt und das ist ein Problem. Welche Ziele die Staatsregierung im Bereich der psychiatrischen Versorgung verfolgt, bleibt ihr Geheimnis. Von der Arbeit des ‚Landesbeirates Psychiatrie‘ ist seit 2016 nicht mehr öffentlich berichtet worden. Und auch damals bestand die Meldung lediglich darin, dass weitere Mitglieder in den Beirat aufgenommen wurden. Hier muss mehr Transparenz her und klar formulierte Ziele, die den Aufgaben der Gegenwart entsprechen.

Der bundesweite Verein ‚Irrsinnig Menschlich e.V.‘ unterstützt Jugendliche und junge Erwachsene mit Präventionsangeboten zur psychischen Gesundheit. Frau Ministerin Klepsch, Sie sind eine der Schirmherrinnen dieses Vereins. Daher wissen Sie, dass psychische Erkrankungen in Dreiviertel aller Fälle vor dem 24. Lebensjahr beginnen. Ihr Ministerium sollte darauf reagieren, nicht nur die Politik.

3. Die Bedarfsplanung, vor allem in der ambulanten Versorgung, muss gegenüber der Kassenärtzlichen Vereinigung kritisch hinterfragt werden. Psychische Erkrankungen werden immer häufiger diagnostiziert, auch bei jungen Menschen. Der Versorgungsschlüssel muss dahingehend angepasst werden.

Der Antrag wurde nicht im Ausschuss behandelt. Eine Anhörung von ExpertInnen oder ein fachpolitische Debatte konnten wir also nicht durchführen. Wir unterstützen den Antrag der Koalition, werden aber genau hinsehen, ob dann auch weitere konkrete Schritte folgen. Die Not der betroffenen jungen Menschen ist viel zu groß und die Aufgabe ist viel zu ernst, um sich hier mit Berichtsanträgen zu Frieden zu geben, die in der Realität keine Wirkung entfalten.

Wir brauchen gute Prävention, die beste Versorgung und Nachsorge von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen, schnellere Hilfe in akuten Krisen, kürzere Wartezeiten und wohnortnahe Angebote.

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