Kindertagespflege ist immer noch der Lückenbüßer des verschlafenen Kita-Ausbaus – Es braucht mehr Planungssicherheit für alle Beteiligten

 

Rede zum Antrag der Fraktionen CDU und SPD: „Kindertagespflege als attraktives Angebot stärken“ (Drs. 6/13736) zur 74. Sitzung des Sächsischen Landtags am 27. Juni, TOP 12

 

– Es gilt das gesprochene Wort –

 

Herr Präsident, meine Damen und Herren,

es geht hier um rund 1.700 Tagespflegepersonen. Zwischen wohlmeinenden Reden hier im Landtag und der tatsächlichen Lebens- und Arbeitssituation in der Kindertagespflege liegen Welten. Auf der einen Seite wird Kindertagespflege als familiennahe Betreuungsform und echte Alternative zu Kindertageseinrichtungen gepriesen, auf der anderen Seite verweigern Staatsregierung und Koalition Lösungsansätze für die Probleme, die seit Jahren von der Koordinierungsstelle Kindertagespflege, dem Landesarbeitskreis Kindertagespflege und den Tagesmüttern und -vätern selbst vorgetragen werden. Nun will die  Koalition einige der Probleme aufgreifen und in der Fortschreibung der Empfehlungen des Landesjugendamtes zur Kindertagespflege berücksichtigen. Das unterstützen wir, obwohl es bei Weitem nicht ausreicht. Denn wieder einmal soll nur geprüft und bewertet werden, anstatt gleich Nägel mit Köpfen zu machen.

Um es deutlich zu sagen: Kindertagespflege ist immer noch der Lückenbüßer des verschlafenen Kita-Ausbaus. Gerade in den Jahren kurz vor und nach der Einführung des Rechtsanspruchs auf Betreuung ab dem ersten Lebensjahr sind viele Betreuungsplätze in der Kindertagespflege entstanden. Die Zahl der Tagespflegepersonen ist gewachsen, ohne dass es intendiert oder gewollt war. Es passierte schlichtweg aus der Not heraus. Das heißt nicht, dass es in der Kindertagespflege an Qualität mangelt, aber da müssen wir uns hier schon ehrlich machen: Jahrelang wurde diese Entwicklung stillschweigend zur Kenntnis genommen und sich dabei die eine oder andere Klage aufgrund eines fehlenden Betreuungsplatzes erspart.

Die Tagespflege wurde und wird dennoch stiefmütterlich behandelt. Denn wenn der Bedarf an Kindertagesbetreuung über Kitas gesichert ist, geraten  Tagesmütter und -väter mit ihren Anliegen und Problemen schnell aus dem Blick. Dass die Kindertagespflege vergessen wird, zeigt die Diskussion um die Anerkennung der Vor- und Nachbereitungszeit für pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen. Tagesmütter und -väter brauchen dafür auch zeitliche Ressourcen. Wo bleibt hier die vielgepriesene Gleichwertigkeit der Angebote?

Um es klar zu stellen: Für uns GRÜNE hat die Schaffung weiterer Kita-Plätze nach wie vor Priorität. Aber es muss echte Wahlfreiheit geben, welche Betreuungsform für die jeweilige Familie die richtige ist. Für die Kindertagespflege heißt das: Es braucht mehr Planungssicherheit für alle Beteiligten; das gilt für die Anrechnung von Krankheit, Weiterbildung, Nachbereitungszeit und Urlaub genauso wie für ein funktionierendes Vertretungssystem, ein gerechtes Vergütungssystem und Sicherheit bei Versicherungsfragen.

Wir GRÜNE wollen, dass Tagespflegepersonen eine laufende Geldleistung erhalten, die auskömmlich und angemessen ist – gern durch landeseinheitliche Vorgaben. Der Antrag der Koalition hingegen fordert lediglich eine „Bewertung“ der Staatsregierung zur Einführung eines landeseinheitlichen Personalkostensatzes – und fragt fast ängstlich, ob damit denn höhere Kosten aufgrund eines Mehrbelastungsausgleichs verbunden wären. Ja natürlich ist das mit Kosten verbunden! Aber Sie rechnen uns doch hier immer stolz vor, wie viele Millionen Sie für die  Verbesserungen bei der Kita-Betreuung bereitstellen. Wollen Sie die Tagespflege davon ausnehmen?

In Bezug auf den letzten Punkt Ihres Antrages wird der große Vorteil der Kindertagespflege deutlich, nämlich die familiennahe, individuelle Betreuung. Und deshalb ist es richtig, die Kindertagespflege für Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf zu öffnen. Ihre Bedürfnisse sind in einer kleinen Gruppe gut aufgehoben. Aber das ist auch anspruchsvoll. Auch wenn das Qualifikationsniveau der Kindertagespflegepersonen in Sachsen hoch ist, muss, im Falle einer Öffnung für inklusive Angebote, großes Augenmerk auf die Fortbildung gelegt werden. Und zur Qualitätssicherung muss der Schlüssel für Fachberatung nicht nur empfohlen, sondern auch überall umgesetzt werden.

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