Veranstaltung "Jesiden im Nordirak" am 29.11.2017 in Chemnitz

„Hoffnung in Trümmern – Jesiden im Nordirak“ – Ein Rückblick zur Veranstaltung am 29.11.2017, 17 Uhr im Weltecho in Chemnitz

 

Ein traditioneller Basar und eine interreligiöse Hochzeit in einem Flüchtlingslager nahe der kurdischen Hauptstadt Erbil…

Die Geschichte eines kurdischen Jungen über seine vom IS getötete Familienmitglieder, Flucht und den Wunsch nach einem friedlichen Miteinander der Religionen im Nordirak…

Schulkinder in Ruwia, die gemeinsam mit europäischen Gästen hoffnungsvoll musizieren…

Die Zerrissenheit der Menschen in Beban und Mahad, die in ihrer Heimat leben wollen, die in Trümmern liegt und wo es noch immer kein Versprechen für Sicherheit und Frieden gibt…

Zerstörte Gebäude in Batnaja und Telskop, wo der IS bei seinem Feldzug nach der „Taktik der verbrannten Erde“ alles gesprengt, vernichtet und vermint hat…

Bombenknall aus der nahegelegenen Stadt Mossul, sodass einem das Blut in den Adern gefriert…

Ein uraltes Kloster, das seit dem 3. Jahrhundert bis heute ununterbrochen betrieben wurde und von den Peschmerga-Kämpfern gegen Angriffe des IS verteidigt werden konnte…

Ein gigantisches Flüchtlingscamp bei Alquosh, wo Menschen seit drei Jahren ausharren ohne eine Perspektive, sicher wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können…

Die Begegnung mit dem Oberhautp der Jesiden Baba Sheikh beim Lichtfest in Lalish, dem Heiligtum einer Glaubensgemeinschaft, die um Anerkennung ringt…

Die traurige Geschichte einer traumatisierten Jesidin, die nach Vergewaltigung und Misshandlung ihrer Kinder kaum zurück ins Leben findet…

 

Diese Eindrücke von der Reise einer bunt gemischten Gruppe in den Nordirak schilderte am Abend des 29.11.2017 im Weltecho in Chemnitz Chris Bürger bei der Veranstaltung „Hoffnung in Trümmern – Jesiden im Nordirak“. Im April 2017 hat er sich am 160 Kilometer langen Friedens- und Versöhnungsmarsch des Menschenrechtszentrums Cottbus durch das Gebiet der Autonomen Region Kurdistan beteiligt. „Es gibt keine andere Möglichkeit für Kurdistan, als das alle friedlich zusammen leben“ lautete das hoffnungsvolle Schlusswort seines Vortrags.

Jedoch ist die Lage vor Ort auch nachdem der IS zurückgedrängt wurde immer noch gefährlich. Das Vertrauen zwischen den Gruppen, die im Nordirak leben, ist infolge des Krieges stark gestört. Nach einem umstrittenen Unabhängigkeitsreferendum in Kurdistan haben im Oktober 2017 die irakische Armee und schiitische Milizen die Kontrolle über die Ölstadt Kirkuk und in Sindschar übernommen. Es kam erneut zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und inzwischen wurden alle Grenzen dicht gemacht. Eine zweite geplante Reise in die Region in der Weihnachtszeit kann das Menschenrechtszentrum unter aktuellen Voraussetzungen nicht durchführen.

Über die aktuelle Lage in Kurdistan und über das humanitäre Engagement für Jesidinnen und Jesiden von Brandenburg sowie Baden-Württemberg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein kam GRÜNEN-Fraktionsvorsitzender im Sächsischen Landtag Volkmar Zschocke im Anschluss an den Vortrag ins Gespräch mit Chris Bürger, Axel Vogel, Vorsitzender der GRÜNEN-Fraktion im Brandenburgischen Landtag und Sylvia Wähling, geschäftsführende Leiterin des Menschenrechtszentrums Cottbus e.V.

Axel Vogel, der ebenfalls am Friedensmarsch teilgenommen hatte, berichtete vom Schicksal der jesidischen Frauen, die vom IS versklavt, missbraucht und gezwungen wurden, zum Islam zu konvertieren. Besonders schwierig sei die Situation derer, die Kinder aus Vergewaltigungen zur Welt gebracht haben. Weil im Jesidentum bereits eine Heirat mit Andersgläubigen den Ausschluss aus der Gemeinschaft zur Folge hat, droht ihnen wie auch ihren Kindern der Ausschluss aus der Gemeinschaft. Gleichzeitig erheben islamische Fundamentalisten Anspruch auf diese Kinder. Vor diesem Hintergrund hatte die irakische Menschenrechtsaktivistin Nadja Murad im Brandenburgischen Landtag eindrucksvoll über die Situation jesidischer Frauen gesprochen. Ihr Appell hat schließlich maßgeblich dazu beigetragen, dass das Land Brandenburg dem Beispiel Baden-Württembergs folgend ein Sonderkontingent für jesidische Frauen und Kinder auf den Weg gebracht hat. Damit sollen besonders schutzbedürftige Jesidinnen mit ihren Kindern in Sicherheit gebracht werden und psychologische Unterstützung zur Aufarbeitung der traumatischen Erfahrungen erhalten. „Jesidische Frauen, die aufgrund dessen, was ihnen widerfahren ist, in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz unten stehen, bekommen einen ganz anderen Wert durch die Chance, nach Europa kommen zu können“, erklärte Axel Vogel. Für die Frauen bedeute das, dass sie und ihre Kinder in einem gewaltfreien Umfeld leben und wieder Mut fassen können. Sylvia Wähling wies darauf hin, dass die Idee ‚Sonderkontingent‘ ein krasses gesellschaftliches Modell beinhalte, das aufgrund von kulturellen Unterschieden eine große Herausforderung für Jesiden und die aufnehmende Gesellschaft darstelle.

Gerade deshalb, und weil die Umsetzung des Sonderkontingents große Anforderungen an das Land Brandenburg stellt – Visaerteilung vor Ort mitsamt Sicherheitspersonal und Ausreiseverfahren sind durch das Land zu organisieren, was unter den aktuellen Bedingungen im Irak besonders schwierig ist – warb Axel Vogel um Unterstützung durch weitere Bundesländer: „Wir können gemeinsam mit anderen Bundesländern mehr erreichen!“ Eine erste Initiative der GRÜNEN im Sächsischen Landtag ist Mitte 2017 zwar am Willen von CDU und SPD gescheitert. „Aber wir dürfen das Thema nicht aufgeben!“ so Volkmar Zschocke. In Brandenburg trugen letztendlich die Medien maßgeblich zum Erfolg der Initiative bei, die inzwischen auf dem Umsetzungsweg ist. Zunächst kommen 50 Jesidinnen nach Brandenburg, die in griechischen Flüchtlingslagern ausharren.

Nicht nur die Umsetzung des Brandenburgischen Sonderkontingents ist aufgrund der unsicheren Lage im Irak schwierig. Hilfslieferungen in die kurdischen Gebiete sind derzeit besonders schwierig. „Es ist kaum möglich dahin zu kommen“, so Sylvia Wählig. Der Luftraum ist gesperrt, ein Visum ist nicht zu bekommen und eine Einreise über die Türkei ist theoretisch möglich, aber äußerst waghalsig. Gleichzeitig verschlechtert sich die wirtschaftliche Situation vor Ort zunehmend.

Mit der Schlussfrage, welche Hoffnungsbotschaft die Diskussionsteilnehmer für die Jesiden im Nordirak formulieren würden, versprach Chris Bürger, alles in seinen bescheidenen Möglichkeiten zu unternehmen, um sich für den Frieden in Kurdistan einzusetzen. Axel Vogel beschrieb seine Hoffnung als eingetrübt, da sich die Situation vor Ort seit seinem Besuch im April stetig verschlechtert hat. Er setzt viele  Hoffnungen auf eine andere Politik im Bundesaußenministerium nach der Regierungsbildung, da dieses bislang einen großen Blockadefaktor darstellt. Sylvia Wählig möchte weiterhin vor Ort helfen, dass die Menschen überleben können.

 

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