Die sichere Geburt – Wozu Hebammen? – Film-Matinée mit Podiumsdiskussion am 6. Mai 2018 in Chemnitz

 

Es ist Sonntag, 10:30 Uhr. Es ist warm. Die Sonne scheint. Trotzdem bildet sich an der Kinokasse vom Kino Metropol Chemnitz eine Schlange. Viele Frauen, auch einige Männer. Was wollen die denn bei einem so schönen Tag im Kino!?

Ich habe zur Filmmatinee Chemnitz I Die sichere Geburt – Wozu Hebammen? eingeladen. Ich wollte diesen provozierender Film auch in Chemnitz zeigen. Weil er mich bewegt hat. Weil er mich aufgeregt hat. Weil er trotz Überlänge bis zum Schluss fesselt. Und weil er zum Hebammentag am 5. Mai passt. Der Deutscher Hebammenverband e.V. hatte zum Hebammentag 2018 Thesen für eine gute Geburtshilfe vorgestellt. Unter anderem diese:

„In den natürlichen Geburtsvorgang sollen Hebammen und Ärztinnen und Ärzte nur eingreifen, wenn die Gesundheit der Frau oder des Kindes bedroht sind. Frauen haben das Recht, vor jedem Eingriff in das Geburtsgeschehen verständlich und nachvollziehbar darüber aufgeklärt zu werden, was genau passieren wird.“

Der Film hat genau zu diesen Fragen zu Eingriffen in das Geburtsgeschehen deutliche Kontroversen ausgelöst. Die Regisseurin Carola Hauck arbeitet mit Bildern und Aussagen, die provozieren, auch zum Widerspruch anregen und die auf jeden Fall auch diskutiert werden müssen. Das habe ich im Anschluss auch getan:

Mit Hebamme Anett Schmid, Mitbegründerin des Vereins erlebnis geburt e.V. und Mitbegründerin des Chemnitzer Geburtshauses.

Mit Anne Jandt von Mother Hood e.V., einer Bundeselterninitiative zum Schutz von Mutter und Kind während Schwangerschaft, Geburt und erstem Lebensjahr.

Und mit Dr. med. Gunter Leichsenring, Leitender Oberarzt der Geburtshilfestation im DRK Krankenhaus Chemnitz-Rabenstein.

Mit Dr. Leichsenring ging ich der Frage nach, ob im Film übertrieben wird oder ob sich die klinische Geburtshilfe in Sachsen tatsächlich in die dargestellte Richtung immer unpersönlicherer Geburten wie am Fließband entwickelt. Denn Sachsen ist deutschlandweit Spitzenreiter bei der Geburtenrate. Und gehört NOCH zu den Bundesländern mit den niedrigsten Kaiserschnittraten. Der Blick auf Geburtshilfe zeigt eine im Vergleich NOCH hohe Qualität in Geburtshilfe. Doch es ist nicht selbstverständlich, dass es so bleibt. Dr. Leichsenring plädiert deshalb für eine „Reduzierung auf das Einfachste“, da die zunehmende Technisierung zur Verunsicherung führe. Dafür brauche es ein gutes Miteinander von Hebammen, Ärzten und Schwestern, ohne dass sich eine Berufsgruppe wichtiger mache als die andere.

Geburt ist ein natürlicher Vorgang, der möglichst ohne medizinische Interventionen ablaufen sollte. Anne Jandt wünscht sich deshalb einen gesellschaftlichen Konsens über eine natürliche Geburt. Wenn Interventionen unumgänglich sind, dann müssen sie in hoher Qualität und unter besten Rahmenbedingungen für die Gesundheit von Mutter und Kind erfolgen. Obwohl Anne Jandt die noch hohe Qualität der Geburtshilfe in Sachsen zu schätzen weiß, wurde im Gespräch mit ihr deutlich, dass auch in in sächsischen Geburtstationen Frauen- und Elternrechte in der Gefahr stehen, öfter unter die Räder zu kommen. Gründe sind Zeitdruck und hohe Arbeitsbelastung der immer weniger werdenden Hebammen.

Anett Schmid illustrierte, wie wichtig die Vertrauensbeziehung zwischen Gebärenden und Hebammen sowie eine 1:1 Betreuung ist. Wie wichtig es ist, den natürlichen Verlauf einer Geburt zu respektieren und so wenig wie nötig einzugreifen. „Eine Frau braucht unter der Geburt nicht Hilfe, sondern Beistand“, so die erfahrene Hebamme. Wie wichtig das Wunsch- und Wahlrecht in Bezug auf den Geburtsort ist. Und was zu tun ist, um die Qualität der ambulanten und stationären Geburtshilfe zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Was muss passieren, dass die Qualität in der Geburtshilfe in Sachsen erhalten und weiterentwickelt werden kann? Mother Hood unterstützt Ideen aus dem Film, z.B. dass Hebammen und Ärzte in ihrer Ausbildung zunächst erst einmal bei fünf Geubrten einfach dabei sitzen und Ärzte in der Geburtshilfe von Hebammen lernen sollten. Und man müsse wieder stärker aufs Vertrauen pochen: in die Hebammenkompetenz (Stichwort Haftpflichtproblematik) und in die Gebärfähigkeit von Frauen. Anett Schmid fordert die Stärkung von Frauen und von natürlichen Geburten, aber auch den Abbau von Hürden für freiberufliche Hebammen z.B. beim Thema Haftpflichtversicherung sowie Abrechung und Qualitätsmanagement. Dr. Leichsenring findet, Geburtshilfe und Gynekologie gehörten getrennt, Geburtshilfe eher zur Kindermedizin. Außerdem müsste in der Hebammenausbildung das Augenmerk stärker darauf gelegt werden, mit dem Herzen dabei zu sein. Alle müssen an sich arbeiten: Mediziner, Hebammen und Gesellschaft.

Die sehr emotionalen Statements der (werdenden) Eltern aus dem Publikum zeigten die Bandbreite an Einstellungen und Erfahrungen mit den in der Geburtshilfe tätigen Fachkräften.

Ich engagiere mich im Landtag seit Jahren sehr konkret für die Verbesserung der Arbeitssituation von Hebammen. Hier sind Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik gefragt. Vor allem müssen wir das Unzuständigkeits-Bingo beenden und gemeinsam handeln. Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sind natürliche und besonders schützenswerte Vorgänge im Leben von Frauen. Wenn wir wollen, dass Frauen dabei nicht allein gelassen werden, dann dürfen wir die Hebammen nicht allein lassen!

Wir GRÜNEN kämpfen weiter dafür, die Tätigkeit von Hebammen aufzuwerten, Engpässe in der Versorgung zu bekämpfen und die Geburtshilfe finanziell besser auszustatten.

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